![[Peter J. Kraus]](101ch.gif)
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Leseprobe: 20. Kapitel
...in dem sich die Schrecken des San-Francisco-Bucht-Dorfes Rodeo zusammentun und im Punkertreff Gilman House eine eigene Scene gründen. Bis die erste Million eintrudelt........................... |
| Der 13. Mai 1994 war ein ungewöhnlich schöner Tag. Mild war`s, die Sonne strahlte, und die Berliner waren allgemein gut gelaunt. Am Abend dieses idealen Frühlingstages stand ich als Gastmoderator im Sendestudio von Radio Fritz auf dem Babelsberger Mediengelände, machte in der Sendung Blue Moon einen Dreistundenbeitrag über kalifornischen Rock und schabte mich. Denn auf der Bühne der vollbesetzten Deutschlandhalle stand Green Day and schrubbte ihr Opening-Set für die Toten Hosen weg. Nun kommt man nicht alle Tage dazu, für den beliebtesten Jugendsender der deutschen Hauptstadt ein Special zu machen, doch man kommt auch nicht alle Tage dazu, Green Day in voller Aktion zu sehen. Da war sie nun, die kalifornische Gruppe, auf die ich schon seit Monaten scharf war, so nah und doch so weit weg. Die Jungs spielten ihr Set, ich meins. | ![]() Green Day |
Egal, was die Leute sagen, ob sie nun als Punkrock gelten, oder als Rockgruppe, als Neopunk oder als Sexpistols-Clone, Green Day ist eine Popgruppe, ganz einfach. Sie schreiben und spielen witzige Popsongs, Ohrwürmer, die riesige Stimmung verbreiten. Mehr wollen sie nicht. Ihr Anspruch ist es, zu dritt auf der Bühne zu stehen und von möglichst vielen Leuten für 90 Minuten total geliebt zu werden. Anarchie ist nicht angesagt. Ihre angeblichen Vorbilder aus dem Wirkungsbereich der Queen, wie zum Beispiel die Sex Pistols, sahen für sich “no future”, im krassen Gegensatz zur kalifornischen Krawallgruppe. Green Day singt nicht über soziale Probleme, Green Day hat`s eher mit den Themen, die einen Zweiundzwanzigjährigen beschäftigen können - Suff, Masturbation, und dem Gefühl, im großen Weltgetriebe ein schlecht geöltes Zahnrädchen zu sein. Green Day spielt reine Good Time Music. Die Knaben Billie Joe Armstrong, Mike Dirnt und Tre Cool aus dem Katastrophendorf Rodeo bei Berkeley nehmen nichts ernst, nicht mal die vielen Millionen, die sie mit ihrem Überraschungsalbum Dookie verdienten. Für Green Day ist "every day a holiday". Daß das nicht immer so war, denkt sich der geneigte Leser schon. Zwei der drei 1972 geborenen Musiker wuchsen in widrigen, für viele Kalifornier allerdings typischen Umständen auf. Wer in den kleinen Holzhäusern lebt, die im Schatten der riesigen Raffinerie von Rodeo stehen, gehört nicht zu den Glückspilzen dieser Welt. Es sind arme Leute, die sich mit schlechtbezahlten Jobs ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, die, wenn sie Glück haben, dem Sozialamt ihre Armut glaubhaft machen können. Dann gibt´s nämlich etwas Staatskohle, auch wenn´s peinlich ist, die Lebensmittel mit Gutschein statt Barem zu bezahlen. Kraftfahrer oder Hilfsarbeiter ist man hier, und einige der Rodeans gehen jeden Tag in die Raffinerie. Man sieht es ihnen an. Sie husten, tragen ihre graue Hautfarbe als Betriebszugehörigkeitsausweis, sie altern früh. Wenn Vater abends heimkommt, dann hat er eine 12-er Packung Dosenbier dabei, und anstatt die Martinis kaltzustellen, wie´s in wohlhabenden kalifornischen Familien Usus ist, hat Mutter schon die ersten beiden Joints des Abends gedreht. Billie Joe war das Jüngste von sechs Kindern des Lastwagenfahrers Armstrong. Der Vater, der ab und zu als Jazzschlagzeuger ein paar Dollar dazuverdiente, sorgte dafür, daß der kleine Billie Joe mit Musik aufwuchs. Als Fünfjähriger schon zeigte er Talent, sang in Kinderkrankenhäusern und Altersheimen, das engelhaft aussehende Knäbchen mit den langen blonden Locken. Aber die Kleinstbürgeridylle endete 1982, als der Vater starb. Mutter Armstrong fand einen Job als Kellnerin, lernte einen ihrer Gäste kennen und lieben, und schleppte ihn als Stiefvater ins Haus. Die Kinder konnten mit dem neuen Papa nicht viel anfangen und begannen ihre eigenen Wege zu gehen. Billie Joe zeigte seine Unzufriedenheit auf die ihm eigene Weise. Der Mann, der sich bei Woodstock II auf der Bühne nackt auszog, übte den für prüde Amerikaner schockierenden Auftritt schon im Alter von zehn, als er bei einem Schwimmwettbewerb im nahen Crockett zum Entsetzen des Publikums nackt um das Schwimmbecken kurvte. Im gleichen Jahr lernte er Mike Dirnt kennen. Mike, unwillkommenes Balg einer heroinabhängigen Mutter, wurde ihr weggenommen und wuchs in der Familie einer Indianerin und eines Weißen auf. Als sich die Pflegeeltern jedoch nach wenigen Jahren trennen, wurde Mike seinem biologischen Vater zugeschoben, wohnte dann zeitweise wieder bei seiner Mutter, die auch einen fremden Herrn ranschleppte und ihn eines Tages als Stiefvater vorstellte. Mike wurde Amateurkomiker. Die beiden Kids, noch so klein und doch schon so kaputt, mußten zueinander finden.
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