[Peter J. Kraus]

Leseprobe: 1. Kapitel

Bobby Troup auf dem Weg nach Kalifornien - ein legendärer Song entsteht

.... als der junge Komponist und seine Frau im offenen Buick Cabrio über die Route 66 rauschen. Der Schnee stiebt über die lange Kühlerhaube, die Tachonadel zittert bei 60, und Cynthia fällt unvermittelt der etwas gewagte Reim “get your kicks on Route 66” ein, was der junge, verliebte Bobby Troup genial findet....

Ein halbes Jahrhundert später singen fingerschnipsende Reisende aus aller Welt den Song immer noch. Route 66 ist zwar seit Mitte der 80er Jahre von den Straßenkarten verschwunden, aber sie lebt als Inbegriff der amerikanischen Weite, als Fernwehstraße weiter.

Route 66 durchquert nur das südwestliche Viertel der Vereinigten Staaten, doch ihre Landschaft ist das Amerika der vielfarbigen Sandsteinkegel und endloser Prärie, verfallender Kleinstädte und windzerzauster Dreckfarmen. Nachts donnern chromblitzende Dreißigtonner über ihre Betonplatten, Scheinwerfer leuchten ins Leere, ein riesiger, sternenklarer Himmel spannt sich über Huren und Heilige, und irgendwo heult ein Koyote. Dann weiß der Reisende, daß es besser nicht werden kann. Dann sind selbst Abwaschwasserkaffee und klebrige Zuckergußdonuts im Truck Stop ein himmlischer Genuß und der benzedrinschwitzende Trucker auf dem Nebenhocker ein netter Kerl.

“From Chicago to L.A.” textete Bobby. Chicago ist von Los Angeles nicht nur durch viele Meilen, drei Zeitzonen und die Rocky Mountains getrennt, sondern durch die Kulturen, die der Highway verbinden sollte. Die osteuropäischen Einwanderer der Chicagoer Vorstädte können mit den Indianern Oklahomas ebensowenig anfangen wie die Abkömmlinge spanischer Granden mit den Vietnamesen Orange Countys. Und doch hat sich entlang dieser wichtigsten amerikanischen Verkehrsader der ersten Jahrhunderthälfte eine breitgefächerte Roadkultur etabliert, hören die so grundverschiedenen Menschen die gleiche Musik, lesen die gleichen Bücher, schauen sich dieselben Filme an. Sie haben ihre regionalen Spezialitäten ins große amerikanische Büffet eingebracht, und über kurz oder lang wird sich ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickeln, werden sich die aus der Heimat hinübergeretteten Kulturschnipsel zu einer amerikanischen Kultur fügen, und dann endlich könnte sich die liebgewordene Mär vom Schmelztiegel bewahrheiten.

Um die Straße und ihre Kultur geht´s. Der poppige Highway und die schrägen Vögel, die ihn bevölkern, die Musik und Literatur, die die Route 66 zu einem ganz besonderen Erlebnis machen.

[Peter J. Kraus][Peter J. Kraus]

[Peter J. Kraus]