[Peter J. Kraus]

Leseprobe: 24. Kapitel

....in dem wir den nun übererfolgreichen “Get Your Kicks..”- Komponisten wiedertreffen und das Ende der Route suchen; das faule, romantisierte und das echte, innerstädtische Ende der magischen Überlandstraße................

Die vier großen Boulevards laufen parallel durch die Stadt; Hollywood, Sunset, Santa Monica und Wilshire. Hollywood Boulevard hat seine ehemals stolze Filmmeile zwischen Argyle Avenue und Laurel Canyon Road, Sunset die Musikmeilen zwischen den CBS-Studios und dem Hollywood Palladium an der Gower Street und Laurel Canyon. Mittendrin sind nicht nur die Hauptquartiere einiger Labels, sondern auch das Guitar Center of The World. Rund um die Kreuzung Sunset Boulevard und North Gardner Street haben sich nach letzter Zählung sechzehn auf Gitarren spezialisierte Musikgeschäfte breitgemacht, mehr als auf der berühmten New Yorker 48th Street ; von der Lehranstalt über Reparatur und Guitar-Discount bis hin zum Einzelanfertiger. Und sie leben alle prächtig, was viel über die Kultur des Sunset Boulevard aussagt. Am Laurel Canyon, wo links der halbrunde Virgin Megastore steht, beginnt der Sunset Strip. Alte und neue Nachtklubs und Musikkneipen suhlen sich im matten Glanz der Doors-Sixties und der VanHalen Siebziger, als jeder unterbezahlte Act hier Musikgeschichte machte. Ab Doheny wird der Sunset Boulevard doppelt so breit wie vorher, hat einen gepflegten, grasbewachsenen Mittelstreifen und ist eine der Hauptstraßen von Beverly Hills. Danach geht’s, teuer bleibend, durch Bel Air und Westwood, am Campus der University of California at Los Angeles vorbei und durch Brentwood und der Exilantenkolonie Pacific Palisades (unter anderen warteten Bertold Brecht, Lion Feuchtwanger, Hanns Eisler, Max Horkheimer und Thomas Mann hier die tausend Jahre ab, die der deutschen Kultur heute noch zu schaffen machen) direkt auf den Pazifik zu; bergab, die letzten Kilometer, und wenn man sie bei Sonnenuntergang erstmals fährt, gehört die Fahrt zu den unvergeßlichen Erlebnissen.

Santa Monica Boulevard ist gegen seine beiden abgehobenen nördlichen Kollegen ein einfaches Sträßchen. Bei Barney’s Beanery bekommt der Boulevard zwar auch einen Mittelstreifen, aber nur, weil da früher die Straßenbahnschienen verliefen. Die konnte man nicht in die Fahrbahn einbeziehen, also säte man Gras und hat jetzt auch ein wenig Stil. Das pinkfarbene West Hollywood geht unvermittelt in Beverly Hills und West L.A. über, ohne daß sich eine Qualitätsverbesserung feststellen läßt. Er taucht in die Strandvorstadt ein, die ihm seinen Namen gab, und stößt sechs Straßenzüge vor seinem Ende auf den Lincoln Boulevard. Jetzt hat der Mensch zwei Möglichkeiten; der Romantiker fährt die sechs Blocks weiter, bis er auf Ocean Boulevard stößt. Direkt gegenüber ist ein Park, und dort steht ein Bronzeschild, auf dem das hiesige Ende der Route 66, auch Will Rogers Highway genannt, verkündet wird. Das ist ein passender Abschluß einer solch romantischen, langen Reise. Der Blick aufs Meer, auf das Vergnügungspier direkt vor einem, und auf den Santa Monica Boulevard zurück ist einfach umwerfend. Ein Bilderbuchabschluß.

Der Realist dagegen will immer alles ungeschminkt echt haben. Die Wahrheit mag schmerzen, aber gelobt sei, was hart macht. Der biegt also auf den Lincoln Boulevard links ab und ................

[Peter J. Kraus][Peter J. Kraus]

[Peter J. Kraus]