![[Peter J. Kraus]](101ch.gif)
| Leseprobe: 8. Kapitel |
...wo die World Music zwanzig Jahre zu früh entsteht, weil David nicht warten konnte. Wozu zögern, wenn Saiteninstrumente gespielt werden wollen? Damit ist er sich mit dem anderen großen kalifornischen String-Star Ry Cooder einig........................... |
| Lindley wußte, daß die Zeit reif war, Jackson Browne zu verlassen. Jackson hatte sich zum Superstar gemausert, kümmerte sich zunehmend um soziale und politische Fragen, engagierte sich bei den Atomkraftgegnern wie für die Bewohner Mittelamerikas, denen eine auf Dominanz ausgerichtete U.S. Außenpolitik das Leben erschwerte und in vielen Fällen verkürzte. Lindley wollte endlich Reggae spielen und stellte eine Gruppe zusammen. Das waren natürlich Freunde aus der Konzert- und Studioszene, denn wir wissen ja, daß ihm alles Spaß machen muß, sonst lohnt sich die Anstrengung nicht. | ![]() |
| El Rayo X nannte er die Gruppe, der Röntgenstrahl auf spanisch, und wieder war’s eine treffende Namenswahl. Die Jungs spielten sparsam, aber zielgenau, und trafen die neue Zielgruppe der Weltmusikfans mitten ins Herz. Besonders Kalifornier und Japaner schätzten die Stimmung, die El Rayo verbreitete - mit einem Repertoire, das von alten New Orleans-Kompositionen wie "Brother John" über den harten Rock von "Mercury Blues" bis zu Originalen des kalifornischen Wüsteneremiten Frizz Fuller reichte. "Frizz ist so’n Typ" sagt David. "Wohnt in einem Wohnwagen, ganz hinten in der Wüste, und ein-, zweimal im Jahr steht er vor meiner Haustür und sagt "David, ich hab’ Dir wieder ein Lied geschrieben". Zevonhafte Perlen wie "She Took off my Romeos" schreibt der Wüstenmensch, und allein sein Lebensstil qualifiziert ihn schon, Teil der Lindleytruppe zu sein. Denn die zeichnet sich durch völlige Selbständigkeit aus. Da kümmert sich keiner darum, was die Leute sagen werden. Die machen ihre Sache und basta. Während El Rayo immer beliebter wurde, kamen Aufträge, die Lindley nicht verpassen wollte. Warren Zevon brauchte ihn, und David spielte. Ry Cooder rief an, Ry, mit dem David über die Jahre immer wieder gearbeitet hatte, und wollte seine Mitarbeit am Wim Wenders-Film "Paris, Texas". Die beiden lieferten die Filmmusik und sämtliche musikalischen Effekte. David weiß gar nicht mehr, wieviele Instrumente er für den Soundtrack spielte, aber es waren furchtbar viele, sagt er. Die Zusammenarbeit mit dem deutschen Filmemacher imponiert ihm heute noch, denn "der Wenders wußte genau, was er wollte. Er ließ uns zwar völlige Freiheit, aber wir wußten, daß er ein großer Fan des alten Bluesers Blind Willie Johnson war, also war schon mal klar, welche Richtung er wollte. Es war ein riesiges Erlebnis - Wim ist von der kalifornischen Wüste begeistert, von der Weite, von Victorville und Barstow, Route 66, der Einsamkeit, wie wir auch. Es war ein unwahrscheinlich befriedigender Gig - hat wahnsinnig Spaß gemacht". Da haben wir’s wieder. Spaß muß es machen. Die erfolgreiche El Rayo hörte Ende der Achtziger auf, Spaß zu machen. Also löste Lindley die Gruppe kurzerhand auf. Vier Alben waren erschienen, das zweite mit dem Tanzhit "Mercury Blues". Er hatte inzwischen mit dem britischen Superkeyboarder Ian McLagan, dem Rhythmusgitarristen Ray Woodbury, Bassist Jorge Calderon und Schlagzeuger Rock Deadrick die besten Studiomusiker der Stadt vereint, hatte noch ein Album, "Very Greasy" mit ihnen aufgenommen, aber es war Zeit, einen Schlußstrich zu ziehen. Lindley hatte während der Achtziger seine Session-Projekte nicht vernachlässigt. Auf Alben von Bob Dylan und John Hiatt war er zu hören, hatte sich um seine Soundtrackarbeit gekümmert, war ein außerordentlich beschäftigter Mann, der jetzt nur noch in kleiner Besetzung auf die Bühne wollte - und möglichst akustisch, Jahre bevor "Unplugged" zum Modebegriff wurde. Er tat sich also mit Ry Cooder zusammen, ging auf Welttourneen, holte sich den libanesischen Ausnahmeperkussionisten Hani Naser und tourte mit dem, wobei zwei "Bootleg"-Alben entstanden; Lindley bootlegte sich selber. |