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Get Your Motor Running....

„Kalifornien?“ höhnt der windschnittige europäische Biker. „Ist nichts für den Fan. Zu lahmarschig - auch auf den breitesten, schnurgeradesten Wüstenhighways immer nur mit 100 Km/H dahintuckeln ist ja wohl ein Witz“.

So. Da die Vollgasfuzzis zustimmend nickend weitergeblättert haben, können wir uns ja über das echte kalifornische Motorradfahren unterhalten. Denn der Staat ist derart vielfältig, daß die belächelten speed limits schon nach ein paar Stunden im Sattel völlig in Vergessenheit geraten. Von der schweizgroßen Mojavewüste über die alpenhohe Sierra Nevada bis zum kurvenreichen Küstenhighway 1 reicht die immersonnige Freiluftpalette – von verlassenen Wildwestdörfern an kaum erkennbaren Indianerpfaden bis hin zu achtspurigen Innenstadtfreeways durch San Diego, Los Angeles oder San Francisco das Easy Ríder Feeling. Wer hier nicht auf seine Zweiradkosten kommt, dem hilft nur noch die alte Hockenheimer Ostkurve.

Amerikanische Motorradvermieter und Harleyhändler haben die europäischen Fans schätzen gelernt. Allein in Los Angeles tummeln sich an die fünfzehn Verleiher und ein halbes Hundert offizieller und inoffizieller Händler und Werkstätten der Nobelmarke aus Milwaukee, und jeder von ihnen schätzt die Kaufkraft der Besucher aus Übersee. Denn das amerikanische Geschäft ist hart geworden. Zuviele Importe aus Japan teilen sich den seit Jahren stagnierenden kalifornischen Zweiradmarkt, und für notgedrungen Teures aus einheimischer Schmiede bleibt nur ein relativ kleiner Kader Eingefleischter. Deshalb auch die noch vor wenigen Jahren undenkbare Harleyvermietung, daher die vielen Tourveranstalter, die dadurch, daß sie Europäern das Amerika der Biker zeigen, ihr Hobby als Geschäft pflegen – oft die einzige Möglichkeit, sich das immer exotischer werdende Harleyfahren leisten zu können. Wer aus Europa anreist, ist also willkommen.

An 331 Tagen im Jahr regnet es in Los Angeles nicht – und während der offiziell zugegebenen 34 Regentage scheint meist doch die Sonne. Also lohnt sich das Fahren fast immer. Nicht nur auf dem Sunset oder Hollywood Boulevard, nicht nur in den Neonschluchten des Wilshire Boulevard oder auf dem Pacific Coast Highway am Strand von Malibu und den Kneipen der Third Street in Santa Monica vorbei, sondern ganz bewußt auf Nebenstraßen und Wüstenhighways. Denn wenn Los Angeles unter tropischen Regenmassen versinkt ist die Wüste bei Ridgecrest oder Palm Springs knochentrocken – höchstens etwas abgekühlt, was auch der härteste Wüstenfuchs gelegentlich begrüßt. Denn wenn sich die durchschnittliche Tagestemperatur in den oberen Dreißigern bewegt wird ein Temperatursturz um zehn Grad als Gottesgeschenk empfunden. Und dann macht so eine Harley erst richtig Spaß.

Helm muß seit einigen Jahren sein, aber Leder ist keineswegs vorgeschrieben. Auch Handschuhe¸ Fußbekleidung oder mehr als die wegen des Landfriedens verlangte Hose sind freigestellt. Da darf jeder nach Gutdünken. Hauptsache, es sieht gut aus. Denn wir sind in Südkalifornien, wo Äußerlichkeiten den gleichen Stellenwert besitzen wie anderswo Bildung oder Herkunft. Schick, exotisch oder urig muß es sein, wenn der Mensch sofort Freunde um sich haben will. Und die findet er oder sie in einem der hippen Biker Hangouts, einer der Kneipen, die von der Zweiradelite frequentiert werden. Late Night Talkkönig Jay Leno, beispielsweise, der recht oft im Rock Store auftaucht, einer Sprit jeder Art verkaufenden Blockhütte im einsamen Gebirge oberhalb seines Wohnsitzes Malibu. Der Rock Store liegt am Mulholland Highway, zwischen den Winzelkaffs Cornell und Seminole Hot Springs. Die sind zwar im Prinzip noch im erweiterten Stadtgebiet Los Angeles, doch in der teilweise unzugänglichen Wildnis der Santa Monica Mountains – zehn Kilometer vom Strand, fünf Meilen von der nächsten Mall entfernt, aber abseits des Jedermannverkehrs der Freeways und Überlandhighways und daher fast unbekannt. Der steile, kurvenreiche Mulholland Highway ist die westliche Verlängerung des Hollywooder Promisträßchens Mulholland Drive¸ von der Wohnstraße Jack Nicholsons und Marlon Brandos nur durch einige Meilen gleichnamigen Schotterweges getrennt, doch hier oben am Rock Store hat man mit der Rolls Royce fahrenden Kinoprominenz nicht viel am Hut. Nur wer hier auf der Harley vorfährt, findet gleich Anschluß – alle anderen sind zum Statistendasein verurteilt. Wen stört´s, daß die Küche zwar bestenfalls mittelmäßig, die Bedienung selektiv und die Mücken verkappte Sturzkampfbomber sind – wer im Rock Store aufgenommen wird, ist Teil der südkalifornischen Motorradgruppe. Und ist damit jemand.

Von den Bergen oberhalb Malibus aus ist es eine knapp zweistündige Fahrt zur Pine Mountain Inn – aber jede der hundertzwanzig Minuten ist eine Ewigkeit purer Fahr- und Daseinsfreude. Denn die Route führt durch einen Querschnitt des Westküstenstaates – vom vielspurigen Freeway am Meer entlang nach Ventura, von dort durch Zitrushaine und Avocadoranches ins nur Minuten entfernte Esoterikerparadies Ojai, wo pro Quadratkilometer mehr Heilsverkünder, Gurus und Messiasse ihre Botschaft unters Volk bringen als irgendwoanders westlich von Sedona, Arizona. Und dann ab ins einsamste Gebirge Westkaliforniens; so einsam, daß der im Zoo gezogene Nachwuchs der allerletzten kalifornischen Kondore in dieser Leere ausgewildert wurden. Der Highway 33 ist nur zweispurig, paßt sich dem Verlauf dieser alpinen Landschaft an, und ist in seiner grandiosen Streckenführung wohl einmalig. Gelegentlich wird der Gebirgszug mit derartigen Regenmengen überschüttet, daß der Highway monatelang gesperrt wird, weil wieder lange Abschnitte einfach den Hang hinabrutschten – dann bleiben die hier oben Wohnenden eben zuhause. Die meisten sind ja hier hochgezogen, um dem Trubel des Küstenstreifens zu entgehen.

Gute dreißig Kilometer Bergwildnis liegen hinter dem Biker, wenn er endlich an der Pine Mountain Inn absteigt. Das unverfälschte Pionierdasein läßt sich an dieser Blockhütte erleben; die Eigentümer betreiben neben der Kneipe noch eine Rinderranch, bieten sogar einen Schießstand, damit der Colt justiert werden kann, und ein halbzahmer Bär tappst über das Gelände. Von gewaltigen Felsen ist die Oase umgeben, von derartigen Brocken, daß die uralten Tannen daneben winzig wirken . Hier oben ist die Luft frisch und Biker sind hochwillkommen. Wem´s gefällt, der klebt einen Dollarschein an die niedrige Gaststubendecke – viele hundert Dollarscheine wedeln dort, wenn die Tür aufgeht.

Weiter nach Lockwood – auf einem noch einsameren Highway, wenn das überhaupt möglich ist. Bachdurchquerung und eine vom schneereichen Winter übel zugerichtete enge Straße gehören dazu, etwa sechs Kilometer nach der Abzweigung weist ein Schild den Schotterweg zur Camp Scheideck Lodge. Die Herberge bietet Übernachtung, Restaurant und einen überaus populären Billiardtisch. Die Lodge ist derart abgelegen, daß sie nach wie vor als Geheimtipp gilt.

Vom Lockwood Valley führt die Cuddy Valley Road links ab, rechts geht´s zum Frazier Peak, danach auf den Interstate 5, der direkt nach Los Angeles hineinführt. Wer Zeit hat, sollte links ab, durch Cuddy Valley und wieder links auf Highway 166 in Richtung Cuyama.

Das mächtige Cuyama Tal ist ein kalifornischer Mikrokosmos; Erdöl wird gefördert, gewaltige Felder liefern drei Ernten pro Jahr, und in den Bergen ringsum hausen Koyoten, Bären und Berglöwen. Staubige Cowboys reiten auf müden Gäulen hinter Viehherden, donnernde Trucks bringen die Ernte des Tales zu Markt und flache, in der ewigen Sonne brütende Dörfer werden erst gegen Abend wach. Im winzigen New Cuyama eine Tasse Kaffee und einen Hamburger im Burger Barn oder nebenan, im ehemaligen Ölarbeiterpuff und heutigen Motel-Restaurant-Bar Buckhorn, und weiter geht´s. Hundert Kilometer zweispurige Straße, der Landschaft aufgewälzt, über Hügel und entlang des meist knochentrockenen Bettes des Cuyama River – der über Nacht derart anschwellen kann, daß er die Straße unterspült und wegträgt – über tausendmeterhohe Bergpässe ins Weinbaugebiet Santa Marias und den Pazifikstrand am Highway One. Die Winzer der kalifornischen Central Coast haben sich auf Besucher eingerichtet – jedes Weingut hat eine Probierstube, ein Tasting Room, und Fremde – besonders Europäer - sind überaus gern gesehen.

Auf Highway 1 geht´s zwanzig Kilometer südlich, ins Westerndorf Los Alamos. Dort steht das Ghostrider, eine Kneipe, die nur von Bikern lebt. Sie paßt in diese ursprüngliche
Siedlung, wie das wiederhergerichtete Union Hotel mit seinen „Themen“-Zimmern und der echten Cowboybar, wie die alte Tankstelle daneben und die Holzhäuser auf der Main Street, die alle aus der Zeit um die Jahrhundertwende stammen und an eine Western-Kulisse erinnern. Aber Los Alamos ist alles andere als eine Tourist Town; das Städtchen ist so geblieben, wie es die Einwohner schon immer kannten. Nicht nachgebaut, sondern erhalten. Es ist von eichenbewachsenen Hügeln umgeben, Wein gedeiht hier und Saatblumen, Pferde werden gezüchtet und Gemüse angebaut. Und mittendrin das Ghostrider, das am Wochenende wie eine Harleyausstellung wirkt. Urige Bikes und urige Biker – da lohnt sich das Vorbeischauen auf jeden Fall.

Wie alle Biker-Hangouts bemüht sich die Küche des Ghostrider um ein gastgerechtes
Speiseangebot. Hamburger, Chili, Sandwiches – die sind überall in guter Qualität und gewaltiger Portion zu haben. Bier und Wein gibt´s, wie die beliebten Soft Drinks und den überall wie Wasser ausgeschenkten (und schmeckenden) Kaffee. Besondere kulinarische Ansprüche sollten auf der Bikertour nicht gestellt werden – wer sich mit gut und reichlich begnügt, kommt auf seine Kosten.

Los Alamos ist der ideale End- oder Anfangspunkt eines Motorradwochenendes. Es liegt in einem der ruhigsten, naturbelassendstem Winkel der kalifornischen Küste, in unmittelbarer Nähe zu Strandstädten wie Pismo Beach und Morro Bay, unweit des sagenumwobenen Big Sur und in der Nachbarschaft des kalifornischen Raumfahrtzentrums Vandenberg. Zwanzig Bikeminuten entfernt liegt das Santa-Ynez-Tal, bevorzugter Wohnort ruhesuchender Entertainer – Michael Jacksons schwerbewachte Neverland Ranch befindet sich an der Bergstraße zum Figueroa Mountain, von Rocker David Crosby über Chalies-Engel-Engel Farrah Fawcett bis hin zum pferdebeschwänzten Steven Segal züchten die einheimischen Promis auf eigener Ranch Araberpferde. Gute, preiswerte Hotels sind in der Nähe zu finden, Camping gibt´s im nahen Oceano und Pismo zuhauf. Der vierspurige Highway 101 streift Los Alamos und die hundertfünfzig Meilen bis zur Downtown Los Angeles´ sind locker in drei Stunden zu schaffen – wobei gut die Hälfte der Strecke am Meer entlang führt. Durch Santa Barbara verläuft der Freeway, an den Strandorten Carpinteria und La Conchita vorbei, nach Ventura und Oxnard, wo der Highway 1 nach Malibu abzweigt. Der schmale Highway am Pazifik entlang mündet denn auch in das städtische Freewaysystem Los Angeles´, sodaß der auf Highway 101 bleibende und der Highway One bevorzugende Biker am Ende wieder aufeinandertreffen.

Einen langen Tag braucht man für die Fahrt, oder ein langsames, vergnügtes Wochenende. Geschmackssache. Aber ob in der langen oder gerafften Version – die große südkalifornische Schleife ist schwer zu überbieten.


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