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Blues Road Trip #1


Kaum hatte der Pianist und Sänger Dr. John Creaux seine Drogenstrafe abgesessen, als ihn die Justiz rüde aufforderte, seine Heimatstadt zu verlassen. Wie der Doktor fanden zum Ende der revolutionären Sechziger viele Musiker in New Orleans plötzlich keine Arbeit mehr, weil sich ein publicitysüchtiger Staatsanwalt profilieren wollte. Trotz jahrzehntelang gepflegter Geschäftsbeziehungen zwischen Polizisten und Amüsierbetrieben ließ der Jurist Bars, Freudenhäuser und Nachtklubs ausheben, setzte alles fest, was nicht schnell genug laufen konnte und hatte innerhalb eines Vierteljahres das Nachtleben der einst lustigsten Stadt Nordamerikas radikal geschleift. Die Säuberungsaktion war die zweite ihrer Art – ein halbes Jahrhundert zuvor, im Kriegsjahr 1917, wurde das Rotlichtviertel Storyville wegen „Gefährdung der Wehrkraft“ dichtgemacht. Als sich Widerstand regte, drohte der Kriegsminister, Zerstörer den Mississippi hochdampfen zu lassen und die lockere, immer bummvolle Jazzgegend am Fluß kurz und klein zu schießen.

Dabei war es bis zur Jahrhundertmitte ausgesprochen schwierig, die Stadt am Mississippibogen zu erreichen. Nur eine schmale Uferstraße, der gelegentliche Schaufelraddampfer und sporadischer Flugverkehr verbanden New Orleans mit dem Rest der Staaten. Die Abgelegenheit hatte allerdings einen Riesenvorteil – im tropischen Klima konnte sich eine eigenständige Kultur entwickeln, ein potentes Gebräu aus französischer Eleganz und afrikanischer Lebensweise. Unzählige Sklavennachkommen prägten die Provinzstadt mit ihrer Küche, ihrem animistischen Glauben, ihrem Sprachgemisch aus französischen und afrikanischen Dialekten – und der Musik, die sich aus dem getrennten Zusammenleben der herrschenden Weißen und der dienenden Schwarzen entwickelte. Jazz nannten´s die Bordellbesitzer in Storyville; Jazzen, wie die Tätigkeit, der sie ihren Wohlstand verdankten.

Inzwischen hat die größte Stadt der ehemals französischen Kolonie Louisiana ihren alten Ruf wieder – und diesmal endgültig. Denn Suff und Sünde sind nun ehrbare Geschäftszweige, ohne Musik und Nachtleben wäre New Orleans nur eine zweitrangige kleine Großstadt. Zum Mardi Gras schieben sich eine Million Besucher durch die schmalen Innenstadtstraßen, einige hunderttausend Fans belagern beim jährlichen Jazz and Heritage Festival sämtliche Grünflächen der Stadt, und ganzjährig spielt im French Quarter im wahrsten Sinne des Wortes die Musik.

Die Stadt ist denn auch Anfangspunkt einer einmaligen Reise – der Fahrt durch die amerikanische Musik des zwanzigsten Jahrhunderts. Denn die Verhältnisse, die den New Orleans Jazz hervorbrachten, standen bei der Schaffung des Blues in den dampfenden Baumwollfeldern des Mississippi Delta Pate – und beide Schöpfungen der Black Culture führten vereint geradewegs zu Rock und Rap. Die einmalige Kultur der Kirchen, Felder und Innenstädte lebt entlang des großen Flusses. sie steht dem offen, der sie sucht. Wer die Menschen zwischen New Orleans und Memphis kennenlernt, der entdeckt das echte, das eigentliche Amerika.

Zwei gute Highways führen nach Norden – der östlich des Mississippi verlaufende Highway 61 (der hier wegen dicht an dicht stehender Chemiefabriken und Ölraffinerien auch „Cancer Alley“ heißt, Krebsgasse) oder die schmale, dem linken Ufer folgende Great River Road. Die Wahl fällt leicht; die stille River Road führt über die alligatorenverseuchten Bayous des riesigen Atchafalayasumpfes, an ehrwürdigen Plantagen wie der telegenen Oak Alley oder dem in umgebender Verwahrlosung protzenden Herrschaftshaus Nottoway vorbei, passiert übermannshohes Zuckerrohr, schläfrige Dörfer und oberirdisch angelegte Friedhöfe – das natürliche Flußbett des Mississippi liegt hier einige Meter über dem umgebenden Land, was nicht nur den Grundwasserspiegel, sondern auch Verbuddeltes immer wieder ans Tageslicht hebt.

Über Port Allen – hier beginnt Acadiana, die Heimat der französischsprechenden Cajuns und ihrer Akkordeonmusik, die von ihren schwarzhäutigen Nachbarn jazzig verfeinert als Zydeco weltberühmt ist – geht´s auf dem Highway 61, dem Blues Highway, am Horrorzuchthaus Angola vorbei nach Mississippi.

Der schmale Highway wird an der Mississippigrenze zu einer veritablen Autobahn – der bei weitem ärmste der vereinigten Staaten hat zur Aufstockung seiner chronisch leeren Kassen das Glückspiel legalisiert, also liegen auf dem breiten Vater aller Flüsse brandneue neonglitzernde Schaufelraddampfer vertäut, und die flugs verbreiterten Highways baggern Zocker heran – aber nur bis zum jeweils ersten Spielkasino. Ab da wird´s wieder ländlich-eng.

Natchez und Vicksburg kennt man aus der Bürgerkriegsgeschichte – und beiden Hafenstädten ist die Erinnerung daran teuer. Vicksburg ist übrigens die sehr unfreiwillige Heimat eines bislang nur unter Fachleuten gerühmten Kunstwerkes. Der winzige, in der sumpfigen Flußniederung stehende Lebensmittelladen Margaret´s Grocery wurde nämlich vom fast hundertjährigen Reverend H.D. Dennis zu einem Tempel zu Ehren Gottes ausgeschmückt. So sehr, daß sich nun bunte, verwinkelte, adlergeschmückte Mauern vor dem einst langweiligen Laden türmen, meterhohe, selbstgemalte Schilder das Wort des Herrn verkünden und das Geschäftsinnere goldglänzend und purpurbehangen zum Staunen lädt. Prediger Dennis kam erst spät zur fünften Gattin – und um ihr Ja-Wort zu erhalten versprach er die Umgestaltung. Die allerdings hat überhand genommen – solche Prachtentfaltung hätte sich die Margaret nie träumen lassen. Echte religiöse Volkskunst hat Mister Dennis geschaffen, und er werkelt noch jeden Tag daran.Wenn Gäste kommen, wirft sich der rüstige Reverend in Schale – goldbestickte Tressen über rotseidem Freimauerergurt, der Fez thront keck auf dem Predigerschädel, und gelegentlich schaltet er sogar das Hörgerät ein. Dann wird erzählt, und Margaret bleibt stolz lächelnd und nickend im Hintergrund. Eine Führung durch das wunderschöne Reich des gottesfürchtigen Reverend Dennis gehört unbedingt zu den Höhepunkten einer Mississippierkundung.

In der Lobby des Peabody Hotel in Memphis endet das Delta, sagt man, und in Vicksburg beginnt es. Endloser Himmel, weites, flaches Land – riesige Felder, kniehohe Baumwollpflanzen, am Waldrand eine Bretterbudenkirche oder ein Chicken Shack, eine der Feldarbeiterkneipen, in denen der Blues entstand und noch heute gepflegt wird. Dies ist die Landschaft des BB King und John Lee Hooker, die Heimat Muddy Waters und Robert Johnsons. Aber für jeden Muddy gibt´s Millionen Namenlose, die ihr Leben auf den Feldern des Mississippi Delta verbringen, unter der gnadenlosen Sonne dieses flachen Landes, dem Boss ewig hörig, weil sie in seinen Hütten auf seinem Land wohnen und in seinen Läden auf Kredit einkaufen. So lebte der Feldarbeiter McKinley Morganfield auf der Stovall Plantation – bis er sich losriß und unter dem Bühnennamen Muddy Waters in Chicago Karriere machte. Viele hier träumen davon, die wenigsten können auch nur den ersten Schritt wagen. Seit 1917 verließen über sechs Millionen Schwarze den tiefen Süden, suchten im Norden Arbeit und Menschenwürde. Der Highway 61 wurde zu einer Fluchtstraße, an deren Endpunkt allerdings nur eine ähnliche Fron wartete. Das erfuhr auch Reverend Dennis, der ein halbes Leben lang in Detroit Autos baute und doch ins Delta zurückkehrte. Ein Schwarzer hat´s in der weißen Gesellschaft nicht leicht.

Der Fluß schlängelt sich als Grenze zwischen Mississippi und Arkansas, er bildet Bogen und hinterläßt Seen, wo sich sein Lauf änderte. Der gesamte Westen des Staates hängt vom mächtigen Mississippi ab, seinem Wasser und dem von seiner breiten Fläche beeinflußten Wetter. Mississippi ist hier einmalig – eine riesige Traumlandschaft mit freundlichen, hilfsbereiten Menschen. Im Onward Store, wo sich einst der jagdversessene – und kurzsichtige - Teddy Roosevelt weigerte, einen heimlich an eine Baum gefesselten Schwarzbären zu erschießen und die noble Geste den Präsidenten Namensgeber der Teddybären werden ließ, erzählen die Betreiberinnen die Geschichte ungefragt jedem, der in den Laden tritt. Und im Weiler Rolling Fork, der Heimat Muddy Waters´, braucht man nur dessen Bruder in seinem rosa Häuschen aufsuchen, um von ihm bei einer Tasse Tee unter schattiger Blechveranda alles über den Gottvater des Blues zu erfahren. Fährt man in Greenville an die Tankstelle, um sich nach der Nelson Street zu erkundigen, wird man fürsorglich darauf hingewiesen, daß die verrufene Ecke nichts für nette Menschen sei – obwohl in ihren Kneipen seit Jahrzehnten der heißeste Delta Blues der Welt gespielt wird. Wer sich unversehens in Holly Ridge findet, weil er das Grab Charley Pattons besuchen will, darf ruhig danach fragen. Erstens findet er´s ohne Hilfe nie (der Kulturschaffende ruht zwischen abgestellten Baumwollwagen auf einem unkrautüberwucherten Feld in Dorfnähe), und zweitens freuen sich die wenigen Bewohner über ein Schwätzchen. Fährt man weiter nach Indianola, in die Heimatstadt BB Kings, wird stolz der Name des weniger bekannten, aber ebenso talentierten anderen Sohnes Indianolas, Albert King, genannt. Sie freuen sich noch über nette Fremde, die Deltabewohner, und wer gar aus Europa zu einem der Blues Festivals erscheint, den wollen sie am liebsten gleich dabehalten.

Über Ruleville und Drew geht´s am verrufenen Zuchthaus Parchman Farm vorbei – nur nicht anhalten!- nach Tutwiler, wo der „Vater des Blues“ W.C. Handy erstmals den Sound der schwarzen Feldarbeiter hörte. Er hatte Musik studiert, der Mister Handy, was für einen Schwarzen um die Jahrhundertwende gar nicht so einfach war, und er saß nun auf dem Bahnhof des kleinen Tutwiler, als neben ihm „ein abgerissener Mann eine noch nie gehörte Melodie auf einer Gitarre spielte, dabei mit einer Messerklinge über die Saiten fuhr und den Text dreimal wiederholte“. Der Fachmann fragte, der Künstler gab Antwort; auf den Feldern, in den Chicken Shacks, dort, wo ein studierter Schwarzer nie hinkommt, dort spiele man den neuen Sound. Handy war fasziniert, übte mit seinem Orchester den frischen, ländlichen Klang und wurde steinreich. Was aus dem frühen Slidegitarristen wurde ist nicht überliefert.

Nach Clarksdale, ins Zentrum der Blueskultur. Hier, in der verfallenden Kleinstadt am Fluß, scheinen sie alle herzukommen; Ike Turner und John Lee Hooker, Sam Cooke, Willie Brown und Junior Parker, Raymond Hill und Jackie Brenston, Lil Green und Johnny „Big Moose“ Walker. Auf der Kreuzung der beiden Highways 61 und 49 etwas außerhalb der Stadt fand die amerikanische Faustiade statt: Beim mitternächtlichen Treff verkaufte hier der mittelmäßige Musiker Robert Johnson dem Teufel seine Seele. Dafür machte ihn Satan zum schärfsten Blueser aller Zeiten – und kassierte schon wenige Jahre später seinen Lohn. Noch heute sitzen zitternde Fans aus aller Welt an der Kreuzung, im Herzen Bammel, im Ohr Eric Claptons Version der Johsonkomposition „Crossroads“.

Clarksdale beherbergt das Delta Blues Museum, dessen Besuch klarstellt, wie jung die Musik ist – der erst kürzlich heimgerufene John Lee Hooker hörte als Kind seinen Stiefvater William Moore spielen, und der gilt als einer der ersten Blueser.

Der Highway 61 führt von Clarksdale in schnurgerader Linie in die Großstadt Memphis, Tennessee. Da wollen wir zwar hin, aber stilvoller. Also wird kurz vor Tunica nach Senatobia abgebogen und auf State Highway 4 das Hill Country durchquert. In dieser immergrünen, kudzuüberwucherten Hügellandschaft blieb die Zeit stehen – Dialekt, Lebensweise und Musik unterscheiden sich grundsätzlich vom benachbarten Delta, denn wegen der Topografie brauchte man hier oben andere Sklaven als in der flachen Flußebene, vielseitigere, handwerklich geschickte. Deren Nachfahren bebauen noch heute ihre Felder am Hang, sind seßhafter als ihre Nachbarn am Fluß. In der Nähe Chulahomas hatte Junior Kimbrough seine Chicken Shack – die gelbbraune Bretterbude am Straßenrand wird nach dem Tode des erst spät bekanntgewordenen Bluesmannes von seiner Familie weitergeführt, bietet noch immer den schärfsten Sound und muß erlebt werden – Juniors alter Kumpel R.L.Burnside kommt gelegentlich vorbei, setzt sich und spielt den kaputten, knallharten Sound mit dem er weltweit Arenen füllt. Dann kommt es schon mal vor, daß auf dem Schotterplatz vor der Kneipe funkenagelneue Reisebusse zwischen den Autowracks der regulären Kundschaft stehen und die Bude voller japanischer Touristen ist.

Zehn Minuten entfernt in Holly Springs steht das sagenhafte Graceland Too - eine zweistöckige Billigkopie des Elvis-Presley-Wohnsitzes im nahen Memphis, betrieben von den „World´s biggest Elvis Fans“ Paul MacLeod und seinem Sohn Elvis Aaron Presley MacLeod. Wer die grelle Sammlung Elvisiana erlebt, kann nicht umhin, solche Hingabe zu bewundern. Die beiden sammeln alles, was je mit Elvis in Berührung kam – und sie dokumentieren mit neun Videorecordern und einer ganzen Batterie stets plärrender Radios jedes Elviszitat, jeden Elvishinweis, jedes gesendete Lied und jeden ausgestrahlten Film. Für die Nachwelt. Einer der beiden wacht immer, damit keine der Elvisnennungen verlorengeht. Weshalb es auch völlig egal ist, zu welcher Tages- oder Nachtzeit ein Besucher an die Graceland Too Tür klopft. Es wird ihm aufgetan und für fünf Dollar Eintritt die Herrlichkeit gezeigt. Und Frau MacLeod? „Die stellte mir ein Ultimatum: entweder Elvis oder sie. Das war doch keine Frage – ich warf sie raus und hab´s noch nie bereut“ sagt Paul, und Sohn Elvis nickt dazu. Dem fehlt sie auch nicht.

Bis zum Original-Graceland ist es von hier nur eine knappe Stunde. Nach Memphis, den Elvis-Presley-Boulevard entlang, und lange anstehen, bis man am Tourbus ist, der jährlich 700.000 Besucher über die Straße und zum Musentempel bringt. Haus und Garten sind von staunenswerter Opulenz, und daß die Elviseltern, ein Onkel und der Star selbst unterm englischen Rasen liegen widerlegt die Annahme daß nur Hamster, Goldfische und die gelegentliche Katze im Garten begraben werden.

Viel lustiger geht´s da in der Beale Street zu, der Bluesstraße nach Disneyart, die sich die Stadt Memphis leistete. Hier haben die Superstars der Musik ihre eigenen Kneipen, hier kann man neben Voodoopuppen und Zauberelixieren noch grelle Blueser-Bühnenklamotten kaufen, und abends spielen mittelgute bis prächtige Bands in jeder zweiten Kaschemme. Bluesvater W.C.Handy ist ein Museum gewidmet, seine Komposition Beale Street Blues wurde eine Art Stadthymne.

Für den Trip zurück zu den Anfängen des Rock empfehlen sich die Sun-Studios in der Union Street, und wer knallharte Kulturnostalgie will, fährt zum alten Stax Studio, wo die heißesten Blues- und Soulsounds der Welt entstanden. Das zum Studio umgebaute Kino in der 926 E. McLemore Ave wurde zwar in den Siebzigern abgerissen, aber nun steht ein schickes Stax-Museum an seiner Stelle.

Der Abschluß einer solchen Reise kann nur in der Lobby des Peabody Hotel in Memphis stattfinden – wo je nach Richtung das Delta beginnt oder endet. Daß der Trip über den Blues Highway nicht nur Kulturfreunde prägt, liegt einfach an der Vielfalt der Eindrücke – man kann ihnen nicht entkommen, denn sie entstammen dem echten Leben, nicht dem Tourismusmarketing. Überhaupt merkt man an diesem Highway mit Ausnahme seines Anfangs und seiner Endstation wenig vom Besucherbusiness – die Menschen entlang des Highway 61 leben dort, weil sie´s müssen, und sie leben so gut es eben geht.

Da wird der Besucher Teil seiner Umgebung – und das ist wohl das Traumergebnis jeder guten Reise.

copyright: Peter J. Kraus, Santa Maria, California, 2000


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